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Das Geheimnis fehlerfrei Gitarre zu spielen

August 1, 2017

 

 

Soll ich dir das am besten gehütete Geheimnis verraten, keinen einzigen Fehler mehr zu machen? Wie du völlig fehlerfrei Gitarre spielen wirst und dich nie wieder darüber ärgern musst, dass du aus einem Stück herausfliegst?

Ganz einfach: Höre auf zu Spielen! Jetzt sofort!

Ok, zugegeben, das ist jetzt ein wenig provozierend gewesen, aber es steckt da etwas Wesentliches drin: Wirklich die einzige Möglichkeit, keinen Fehler zu machen, besteht darin überhaupt nicht anzufangen zu spielen. Wenn wir das verstanden haben, können wir vielleicht zu einer neuen Art von Fehlerkultur kommen, welche das Scheitern als Möglichkeit zum Wachstum begreift.

 

 

Mein grandioses Scheitern

Ich möchte dir eine kleine Geschichte anvertrauen, die mir vor ein paar Jahren tatsächlich passiert ist: Ich wurde von einem Bekannten, der bei einem lokalen Radiosender arbeitet, eingeladen, bei einer Sendung von ihm als Gast ins Studio zu kommen. Ich sollte für ein Live-Interview zur Verfügung stehen und auch noch ein paar eigene Stücke Live mit Akustikgitarre spielen. Zu dieser Zeit spielte ich in einem gut laufenden Rocktrio und wir hatten uns ein festes akustisches Zusatzprogramm erarbeitet, um flexibel für verschiedene Veranstalter zu sein.

Ich nahm also diese Einladung an und sollte ein grandioses Scheitern erleben. Live on air.

Bei diesem Termin ging von Anfang an alles schief. Erst sprang mein Auto nicht an, weil ich tags zuvor das Licht habe brennen lassen. Leider war ich auch schon viel zu spät dran und daher extrem gestresst. Also schnell das Auto eines Freundes geliehen und die 20 Kilometer zu dem Radiostudio gehetzt. Zack, der erste Stressfaktor.

 

 

Dort angekommen stellte ich fest, dass ich die CD vergessen hatte, um die mich der Radiomoderator gebeten hatte. Ich sollte meinen derzeitigen Lieblingstrack mitbringen, als Opener zur Sendung. Blöd, hatte ich in der Eile auf dem Beifahrersitz meines eigenen Autos liegen lassen. Zack, der nächste Stress, der zu einer Grundnervosität beigetragen hat.

Im Interview ließ ich mich noch auf eine leidvolle Diskussion darüber ein, ob eine gute Gitarrentechnik eher von Nutzen ist oder schadet. Leider lief dieser Punkt sehr wertend ab und mir gelang es nicht, meinen eher gelassenen Standpunkt dazu klar zu machen, worüber ich mich sehr ärgerte. Zack, der nächste innere Unruheherd.

Und dann kam der Moment des ersten Liedes. Es ging ganz gut los und Mitte der ersten Strophe dann: NICHTS. Ende, Aus, Äpfel. Ich habe den totalen Texthänger und komme nicht weiter. Also nochmal von vorne. Schon erst einmal peinlich genug. Dann, selbe Stelle, und wieder: NICHTS. Mit Mühe und Not hangele ich von Takt zu Takt und versuche spontan zu texten und merke, dass improvisiertes Dichten nicht meine größte Stärke ist. Irgendwie komme ich dann noch durch und sitze mit hochrotem Kopf im Studio und möchte am liebsten im Boden versinken. Das Interview geht dann noch eine Zeit weiter und beim nächsten Stück von mir verhaue ich mich auch noch auf der Gitarre.

 

Du fragst dich vielleicht, warum ich nach diesem Ereignis nicht aufgehört habe Musik zu machen? Ganz ehrlich, auf dem Heimweg dachte ich ernsthaft darüber nach. Für mich war dieses Interview im Nachhinein aber ein extrem lehrreiches Schlüsselerlebnis und ich bin dankbar, diesen schwierigen Moment erlebt zu haben. Klingt komisch? Aber ich habe dadurch ganz wesentliche Sachen über das Musikmachen, meine Professionalität und vor allem über mich selbst gelernt.

  • Zum Beispiel früh genug loszufahren, um sicher zu gehen, auch wirklich rechtzeitig und vor allem entspannt anzukommen.

  • Eine Checkliste anzufertigen, damit ich wirklich alles dabei habe.

  • In einer Interviewsituation ganz bei mir zu bleiben und auch hinterhältige Fragen ganz gelassen zu begegnen.

  • Und für alle Zeiten: in Gottes Namen die Texte ausgedruckt mitzunehmen. Ist doch Radio, sieht doch keiner!

Ich war einfach schlecht vorbereitet und das wird mir in dieser Art nie wieder passieren. Lektion kapiert. Check.

Das genau ist mein Punkt. Das Scheitern anzunehmen und sich zu erlauben, wieder aufzustehen, um daraus gestärkt hervorzugehen. Und vielleicht nach und nach zu lernen, auch darüber zu lachen.

 

 

Unsere fehlerfeindliche Gesellschaft

 

 

Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, in der von klein auf der Fehler als etwas Schlechtes

angesehen wird. In der Schule werden Fehler rot angestrichen, man bekommt eine schlechte Note und lernt gleich für alle Zeiten, sich über die Fehler zu ärgern. Und Ärger gräbt sich ganz tief in unsere Festplatte und ist jederzeit abrufbar.

Aber wenn wir schon alles könnten, bräuchten wir doch nicht in die Schule zu gehen, oder? Ganz ehrlich, wenn der Tag gekommen ist, an dem ich denke, ich kann auf der Gitarre nichts mehr lernen, fange ich an zu Stricken! Zum Glück bleibt der Wolle diese grauenvolle Erfahrung erspart.

Wenn wir es schaffen kleinen Spielfehlern mit einem Lächeln zu begegnen, wird der Prozess des Übens viel leichter von der Hand gehen und vor allem mehr Spaß machen. Wie gesagt, wenn wir es schon könnten, bräuchten wir es auch nicht zu üben. Aber das sagt sich sehr viel leichter, als es getan ist. Einen neuen Umgang mit Fehlern muss man meist erst (wieder) lernen. Ein schöner Spruch lautet: Die besten Jongleure haben die meisten Bälle fallen lassen. Übertragen auf uns bedeutet das, dass die besten Gitarristen sich erlaubt haben, vorher unendlich viele Fehler zu machen. Und glaube mir, das haben sie! Egal wie viel Talent (dieses seltsame Wort) jemand hat, wenn er/sie es zum Meister bringen will, dann gilt es jeden Tag stundenlang am Instrument zu verbringen und möglichst viele Fehler zu produzieren. Dann, irgendwann, sieht es mühelos aus und das Publikum ist sprachlos vor lauter Virtuosität.

 

 

Eine Situation aus der Praxis

Stell dir folgende Situation vor: Du stehst auf der Bühne und verspielst dich so kolossal, dass nichts mehr zu retten ist. Alle Augen richten sich gebannt auf dich.

Du könntest auf zwei Arten reagieren:

 

1. Du verziehst dein Gesicht zu einer Grimasse und schreist dein derzeitiges Lieblingsschimpfwort laut heraus.

 

 

 

2. Du lächelst und sagst deutlich ins Mikro: „Da bin ich wohl einer Katze aus Versehen auf den Schwanz getreten.“ Danach spielst du mit einem Lächeln weiter.

 

 

Was meinst du, wem verzeihen die Zuschauer und finden ihn auch noch sympathisch? Richtig! Wer lächelt, hat schon gewonnen. Und der Fehler macht dich für die Zuschauer zutiefst menschlich und dein Umgang damit schafft eine humorvolle Verbindung. Ob etwas ein Drama oder ein lustiger Zwischenfall ist – entscheiden wir (fast) immer selbst.

 

 

Wie können wir einen neuen Umgang lernen?

Es geht also um unseren eigenen Umgang mit dem Scheitern. Als ersten Schritt sollten wir uns das Fehler machen erlauben, uns zugestehen, dass wir etwas noch nicht können und dass es zum Ziel, fehlerfrei zu spielen, vielleicht noch eine Zeit lang braucht.

Wenn du beispielsweise an einem Stück arbeitest, kannst du dir sagen:“Nicht gekonnt habe ich es schon vorher!“ Deswegen willst du es ja lernen. Und wenn du an eine Stelle kommst, die du nicht kannst, dann herzlichen Glückwunsch. Du hast eine Möglichkeit für persönliches Wachstum gefunden. Und Wachstum bedeutet zu Leben.

Ich erlebe es häufig im Unterricht, dass Schüler ein Stück schon ganz gut spielen und dann bei einem Fehler aufhören und sich sichtlich ärgern. Sie sagen sich dann nicht, dass sie von vielleicht 80 Noten

 

schon 75 sehr gut gespielt haben. Nein, die 5 Noten, welche noch nicht klappen, die sorgen für Unmut und verderben das ganze Erlebnis. Anstatt den Fehler anzulächeln und als Möglichkeit zu begreifen, wird er als etwas Schlechtes angesehen. Wie schade.

Als zweiten Schritt können wir versuchen, einige Zeit später über die Situation zu lachen und dies bei jedem vermeintlichen Scheitern wiederholen. Nach und nach wirst du das Lächeln, die eigene innere Gelassenheit, immer näher an das Ereignis schieben können. Bis du irgendwann direkt in der Situation über den Fehler oder sogar über dich selbst Lachen kannst. Das braucht seine Zeit. Fang also jetzt nicht an, dich darüber zu ärgern, dass du dich immer noch ärgerst….

 

 

Aber fehlerfrei Gitarre spielen ist doch nichts Schlechtes?

Verstehe mich bitte nicht falsch. Auch ich möchte fehlerfrei Gitarre spielen, vor allem wenn das Publikum Eintritt bezahlt hat. Aber das ist das Ende eines langen Prozesses. Warum sich den Weg dahin versauen? Und vielleicht passiert dann trotz perfekter Vorbereitung ein Schnitzer. Tja, so ist das eben. Shit happens. Die Erde dreht sich weiter und in den meisten Fällen hat das Publikum gar nichts davon mitbekommen (außer du hast Variante 1 mit dem Schimpfwort gewählt).

Ich kann die vielen großen und kleinen Fehler, die mir auf der Bühne passiert sind, gar nicht mehr zählen. Aber beschwert hat sich bisher noch keiner. Keiner hat mit dem Finger auf mich gezeigt und mich ausgelacht. Und dieses eine mal, im Radio, als ich auch noch unsouverän reagiert habe und nicht mit einem Lächeln auf den Lippen für mich selbst die Situation gerettet habe, das war für mich eine große Lehre. Also hatte sogar dieser Moment für Wachstum gesorgt. Nicht schlecht.

 

 

 

Fazit

Zusammenfassend möchte ich dir und mir ein wunderschönes Scheitern wünschen. Versuche, gelassen mit Fehlern umgehen und denk dir vielleicht: “Nicht gekonnt habe ich es ja auch schon vorher.” Lass uns aus unseren kleinen Unfällen etwas lernen und auf unserem Weg mit der Gitarre damit ein gutes Stück weiter kommen.

In diesem Sinne: Halt die Saiten schön sauber

  • Üben/Lernen

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Oliver Székely

  • Gitarrist Live und im Studio

  • Gitarrenlehrer mit über 25 Jahren Erfahrung

  • Musikschulleiter

  • Buchautor

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